Gemeinsam gegen die Krise

So erleben unsere Bundesräte Corona

In der Corona-Krise stehen auch unsere freisinnigen Bundesräte an vorderster Front. Im schriftlichen Interview erzählen Karin Keller-Sutter und Ignazio Cassis, wie sie damit persönlich umgehen und in welchen Bereichen sie nun ganz besonders gefordert sind.

Oben: Karin Keller-Sutter am Grenzübergang Au. Unten: Ignazio Cassis an einer Medienkonferenz im Tessin, im Hintergrund zwei Beatmungsgeräte.

Wie betreffen Sie die Einschränkungen wegen Corona persönlich?

BR Karin Keller-Sutter (KKS): Auch mein Leben hat sich sehr verändert. Meine persönlichen Kontakte habe ich auf das Nötigste eingeschränkt, und Sitzungen finden praktisch ausschliesslich über Skype statt. Es gibt eine Ausnahme: Der Bundesrat trifft sich wie üblich zu seinen Sitzungen, wobei er die BAG-Empfehlungen berücksichtigt. Die Corona-Krise beschäftigt mich und die anderen Mitglieder des Bundesrates fast rund um die Uhr. Und die Situation kann sich sehr schnell verändern: Was heute noch gewiss scheint, kann morgen schon völlig überholt sein. Das spüren wir alle im Bundesrat.

BR Ignazio Cassis (IC): Auf der familiären Ebene gibt es spürbare Einschränkungen: zwischenmenschliche Kontakte sind rar geworden, mit meiner Mutter darf ich nur noch telefonieren. Aber wie in jeder Krise gibt es auch positive Nebeneffekte, insbesondere auf beruflicher Ebene: die Agenda lässt mehr Zeit für strategisches Denken, da Termine annulliert werden. Und wir sind gezwungen, kreativer und effizienter zu arbeiten. Plötzlich entdecken wir neue Organisationsmöglichkeiten.

Woran arbeiten Sie zurzeit am intensivsten?

KKS: Mein Departement ist stark gefordert. Wir haben wichtige Entscheide wie die Grenzschliessungen vorbereitet und sind in alle rechtlichen Fragen rund um die Covid-Verordnung involviert. Zudem ist für mich als EJPD-Vorsteherin zentral, dass die Kernfunktionen der Institutionen, der Justiz, des Asylsystems aufrechterhalten werden. Wichtig ist für mich auch, dass wir gestützt auf Fakten und mit Augenmass über notwendige Massnahmen entscheiden. Die Einschränkungen dürfen nicht weitergehen als nötig. Dafür setze ich mich ein. Für mich als liberale Bundesrätin ist es nicht einfach, die Freiheit der Menschen so stark einzuschränken. Aber wir befinden uns in einer «ausserordentlichen Lage» und müssen die Menschen in unserem Land schützen. Der Staat, die Gesellschaft, wir alle müssen stark sein und uns auf das gemeinsame Ziel konzentrieren.

IC: Im Bundesrat arbeiten wir ständig an Lösungen für den Schutz der Gesundheit der Bevölkerung und der Wirtschaft unseres Landes. Auch der Alltag in meinem Departement ist anders: Wir haben einen Krisenstab, rund 80% der Leute sind im Homeoffice. Viele Mitarbeitende im Ausland müssen wegen der Corona-Krise zum Teil unter noch schwierigeren Verhältnissen als üblich arbeiten. Wir setzen alles daran, um tausende Schweizer nach Hause zu holen, sowie um die nötigen Warentransporte und die Bewegungsfreiheit von Grenzgängern sicherzustellen, insbesondere in sensiblen Bereichen wie dem Gesundheitssystem. Darüber hinaus pflegen wir den Kontakt mit anderen Ländern, um uns gegenseitig zu unterstützen und globale Lösungen für die Krise voranzubringen.

Was hat Sie in den letzten Wochen besonders berührt?

KKS: Es berührt mich sehr, wie verantwortungsvoll unser Land diese Krise angeht. Ich war im Rheintal am Grenzübergang Au und habe die Firma SFS besucht. In dieser Exportregion arbeiten viele Grenzgänger. Hier sieht man ganz konkret, wie wichtig das Zusammenspiel zwischen Gesundheit, Grenzkontrollen und Arbeitsplätzen ist. Besonders nahe geht mir auch die Schliessung der vielen Geschäfte. Ich bin selbst in einem Restaurant aufgewachsen und weiss, was das für die eigene Existenz bedeutet. Die Konsequenzen für die Wirtschaft sind schon heute gravierend. Ich bin aber überzeugt, dass unser Land die Stärke hat, um die Krise zu meistern.

IC: Mich beeindruckt die Fähigkeit der Bevölkerung, verantwortlich und solidarisch zu reagieren. Mich berührt die interkantonale Solidarität trotz der unterschiedlichen Betroffenheit durch die Pandemie. Aber auch die kollektive Schwierigkeit, eine rationale Sicht der Krise beizubehalten und über verhältnismässige Massnahmen zu entscheiden.